Geschichte(n) zur Sommersonnenwende
Am 20. oder 21. Juni ist es soweit, die Sonne hat ihren höchsten Punkt erreicht, es ist der Zeitpunkt des längsten Tags und der kürzesten Nacht, der scheinbare Sieg des Lichts über die Finsternis. Und gleichzeitig ist es auch der Wendepunkt, denn von nun an werden die Tage wieder kürzer, die Nächte wieder länger.
Dieses bemerkenswerte Ereignis war schon für unsere Vorfahren wichtig, das zeigen archäologische Funde, so wie das Sonnenobservatorium von Goseck oder auch der Steinkreis von Stonehenge auf dem obigen Foto. Auch hier wurde die Sommersonnenwende markiert und gefeiert. Wie diese Feiern aussahen, darüber wissen wir leider nicht viel, nur das Opfer offensichtlich eine Rolle spielten – das verraten uns die wenigen Menschen- und zahlreichen Tierknochen.
Die Germanen
Über die Zeit danach haben wir eher Vermutungen als Aufzeichnungen. Bei den keltischen Stämmen hat die Sommersonnenwende wahrscheinlich keine Rolle gespielt, zumindest wenn wir die späteren gälischen Aufzeichnungen zu Grunde legen. Für die Germanen und nach ihnen die Franken scheint die Sommersonnenwende eine größere Bedeutung gehabt zu haben, zu diesem Zeitpunkt fanden mehrere größere Versammlungen statt. Zumindest behauptet das Jacob Grimm in seiner „Deutschen Mythologie“.
„In unsrer alten sprache wird die festlichste jahrszeit, wo die sonne ihren gipfel erlangt hat und nun wieder herabsinken muß, sunewende = sunnewende (solstitium) genannt, gewöhnlich in der pluralform, weil dieser hohe stand der sonne mehrere tage anhält (…)” Jacob Grimm, Deutsche Mythologie, S. 584
Auch bei den Angelsachsen wurde die Sommersonnenwende gefeiert, hier hieß sie midsumor – nicht līða wie im neopaganen Jahreskreis. Litha ist einer der von Beda Venerabilis erwähnten Monatsnamen. Juni und Juli werden so bezeichnet. Litha bedeutet „sanft“, aber auch „schiffbar“. Beda führt die Bezeichnung darauf zurück, dass ein sanftes Meer wichtig für die Seefahrt war.
Die Verbindung zwischen Litha und Sommersonnenwende stammt von Aidan Kelly, der 1973 den paganen Kalender erstellte.
Mittsommer im Mittelalter
Die ersten ausführlichen schriftlichen Belege für ein Mittsommerfest tauchen im frühen Mittelalter auf – allerdings als Feier des Namenstages des Helligen Johannes, der am 24. Juni gefeiert wird. Hier ist die Feier untrennbar verbunden mit dem Johannisfeuer, das schauen wir uns bei den Bräuchen genauer an. Das ganze Mittelalter hindurch wurde Sonnenwende am Johannistag gefeiert, es gab keine konkurrierenden Veranstaltungen. Das änderte sich erst wieder grundlegend mit dem Erstarken der nationalistischen Gefühle im 19. Jahrhundert. Jetzt wurden vereinzelt wieder Sonnenwendfeiern ins Leben gerufen, diese hatten einen nationalistischen Hintergrund.
Die Feier der Sonnenwende im Nationalsozialismus
Planmäßig wiederbelebt wurde eine heidnische Sonnenwendfeier im Dritten Reich. Hier wurde an Stelle des Johannisfeuer die Feier der Sonnenwende wieder groß propagiert. Mit ihr wollte man an die vermeintlich ruhmreiche Zeit der Germanen anschließen. Dass es niemals ein germanisches Reich geben hatte, störte die Nationalsozialisten nicht weiter, in ihrer Denkart blieb das Volk dennoch immer das Gleiche:
Sonnenwendfeiern wurden in großem Maßstab organisiert und durchgeführt, es gab genaue Anleitungen wie vorgefertigte Reden und Abläufe.
Diese Traditionen werden auch heute noch gepflegt; immer noch wird die Sommersonnenwende von rechtsradikalen Gruppen gerne genutzt, um spirituell interessierte Menschen anzusprechen.
Vor dem Hintergrund dieses Wissens dauerte es, bis ich mit der Sommersonnenwende warm wurde. Geholfen haben mir dabei einige überlieferte Traditionen wie das Johannisfeuer sowie der Blick dafür, dass früher eben nicht nur germanische Stämme in Mitteleuropa gelebt haben.
Traditionen und Bräuche
Johannisfeuer
In vielen süddeutschen Regionen wird seit dem 12. Jahrhundert der Johannistag gefeiert, zum Gedenken an den heiligen Johannes den Täufer, der Jesus im Jordan taufte und später auf Wunsch der Ehefrau des Herodes Antipas enthauptet wurde.
Neben Jesus und Maria ist Johannes der Täufer der einzige Heilige, dessen Geburtstag im Jahreskreis gefeiert wird. Da Johannes der Täufer laut dem Neuen Testament sechs Monate älter war als Jesu, wurde der Geburtstag auf den 24. Juni gelegt. Auf diese Weise konnten vermutlich bereits vorhandene heidnische Bräuche in einen christlichen Zusammenhang integriert werden. Die Äußerung Johannes’ über Jesus:
"Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen." (Johannes, 3,30)
Verband man mit dem Jahreslauf der auf- und absteigenden Sonne. Der Johannistag wurde mit einem großen Feuer gefeiert; diese Tradition scheint sehr alt zu sein. Wissenschaftler*innen vermuten, dass sie sich zwischen dem 5. und 8. Jahrhundert in Europa ausgebreitet hat.
Leider ist unbekannt, ob sie ein älteres Sonnenwendfeuer ersetzt hat, doch angesichts der großen Verbreitung und großen Beliebtheit der Sonnenwendfeuer halte ich dies für sehr wahrscheinlich. Interessanterweise wurde das Johannisfeuer nicht nur auf dem Dorf oder in den Bergen angezündet, sondern auch in großen Städten. Im 15. Jahrhundert sehen in Frankfurt und Paris Kaiser und König beim Johannisfeuer zu, es handelt sich also nicht nur um eine bäuerliche Tradition.
Auch wenn an vielen Orten in Europa Sonnenwendfeuer angezündet werden, so war dies nicht überall in Mitteleuropa der Fall. Oft findet entweder ein Johannisfeuer oder ein Osterfeuer statt, das beobachtet schon Jacob Grimm im frühen 19. Jahrhundert.
“Nicht unwichtig ist es wahrzunehmen, daß sie (die Feuer) im nördlichen Deutschland auf ostern, im südlichen auf Johannis stattfinden. dort bezeichnen sie des frühjahrs eintritt, hier die mitte des sommers (sonnenwende); es lauft wieder auf den alten unterschied zwischen sächsischem und fränkischem volk hinaus. Ganz Niedersachsen, Westphalen und Niederhessen, Geldern, Holland, Friesland, Jütland, Seeland kennt osterfeuer; am Rhein, in Franken, Thüringen, Schwaben, Baiern, Östreich, Schlesien gelten Johannisfeuer. doch mögen einige gegenden beiden huldigen, z. b. Dänemark und Kärnten.” Jacob Grimm, Deutsche Mythologie, S. 714
Zumindest für die heutige Zeit kann ich das bestätigen. Aus Norddeutschland, meinem Wohnort, wo früher die Sachsen geherrscht haben, kenne ich keine Johannis- oder Sonnenwendfeuer, hier wird das Osterfeuer groß gefeiert. In Schwaben hingegen, wo ich aufgewachsen bin, wurde das Johannisfeuer angezündet.
An manchen Orten wurde das Feuer im Sonnenlauf dreimal um die Felder getragen, um diese zu schützen. An anderen wurde ein brennendes Rad einen Hügel hinuntergerollt, brannte es bis zum Schluss, so galt dies als gutes Omen.
Außerdem wurden den Johannisfeuern – ähnlich wie den Maifeuern – die Funktion eines Orakels zugeschrieben. Junge Frauen sprangen dreimal übers Feuer, so würden sie einen guten Ehemann bekommen. Ein Gürtel aus Beifuß sollte dabei helfen. Auch Paare setzten gemeinsam hinüber, ließen sie sich dabei nicht los, so wurde das als gutes Zeichen gedeutet.
Der Glaube an die Wirksamkeit der Feuer ging mit der Ankunft der Moderne allerorten verloren, heute werden die Feuer aus folkloristischen Motiven angezündet und weil sie einfach zum Jahreskreis dazu gehören.
Wasserbräuche: Iwan Kupala Tag
Auch in den slawischen Ländern sind zahlreiche Bräuche mit dem Johannistag verbunden, hier heißt er Iwan-Kupala-Tag, der Tag Johannes des Täufers. Neben den auch dort vorhandenen Feuerbräuchen gibt es viele, die das Wasser als Element nutzen. Dabei legen junge Frauen mit Kerzen bestückte Kränze in den Fluss, je nachdem, wohin sie treiben, diese Richtung soll ihr Leben nehmen.
Auch Kräuter und Beeren, die in dieser Nacht geerntet wurden, sollte eine besondere Kraft innewohnen.
Welche dieser Bräuche kennst du oder sind bei dir vor Ort lebendig? Wasser oder Feuerbräuche? Was haben die Menschen, die vor dir gelebt haben, gefeiert? Kennst du alte Geschichten dazu?
Dieser Text ist ein Auszug aus meinem nächsten Buch “Im Rhythmus der Natur”, das Ende August 2026 erscheint. Wenn du es hier bei der Autorenwelt vorbestellst, bekomme ich eine kleine Beteiligung. Es ist aber auch in allen Buchhandlungen erhältlich.
Ich wünsche dir eine feine Feier der Sommersonnwenden.
Herzlich,
Kathrin
Quellen:
Jacob Grimm, Deutsche Mythologie. Berlin 1844. Volltext: https://archive.org/details/deutschemytholog00grim/page/n7/mode/2up
Bilder:
Stonehenge: CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=195581
Sprung übers Feuer: By Bundesarchiv, Bild 183-C09249 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5432852
Johannisfeuer: By Ralf Johann - Own work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=20020386
Iwan Kupala: By Henryk Siemiradzki - abcgallery.com, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4228651

