Unser Jahreskreis: den Winter vertreiben
Jedes Jahr im Februar merke ich es: Der so genannte “keltische” Jahreskreis funktioniert in Mitteleuropa einfach nicht. Während es in Irland schon 13 Grad warm ist, schneit es vor meiner Haustür. Mein Instagram Feed ist voller Bilder von Snowdrop Festivals, ich komme mit dem Schnee schippen nicht hinterher. Nicht ein Schneeglöckchen hat es bisher gewagt, sein Näschen nach draußen zu stecken.
Nun ist dieser Winter besonders hart (vor allem hier im Norden), dennoch, der Unterschied bleibt bestehen: in Mitteleuropa herrscht kühleres kontinentales Klima, in Irland ein gemäßes, maritimes. Daran ist auch der “keltische” Jahreskreis angepasst. (Mehr zum “keltischen” Jahreskreis und warum ich ihn in Anführungszeichen schreibe, kannst du hier nachlesen.)
Da der “keltische” Jahreskreis sich an den gälischen Festen orientiert, finden wir hier keine Bräuche zur Vertreibung des Winters. Die aktuelle Praxis in Mitteleuropa sieht anders aus. Hier gibt es hier an vielen Orten Bräuche und Traditionen, in denen dem Winter der Garaus gemacht wird. Vom Biike Brennen in Nordfriesland über die Fasnet im Alemannischen bis zum Funkensonntag im Allgäu - von Nord bis Süd kennen wir Traditionen, in denen der Winter verabschiedet wird. Teils mit Feuern, teils mit Lärm und gruseligen Gestalten.
Funkenfeuer im Allgäu
Diese Bräuche sind ein Ausdruck der Qualität der Zeit: Dem Wunsch nach und die Notwendigkeit von wärmeren Temperaturen, damit die Aussaat im März beginnen kann.
Für mich sind diese Bräuche deswegen ein wichtiger Bestandteil des Jahreskreises.
Die Probleme des Brauchtums
Nun sind diese Bräuche häufig aber auch problematisch. Auf dem obigen Foto zum Beispiel sieht man etwas Entscheidendes nicht: Es wird nicht nur ein kunstvoller gestapelter Haufen Holz verbrannt, sondern auch eine Frauenfigur, die oben auf dem Stapel aufgehängt war, die so genannte Funkenhexe.
Der Stapel fürs Funkenfeuer mit Funkenhexe
Frauenfiguren, die auf einem Scheiterhaufen verbrannt werden? Das ruft ungute Assoziationen hervor, Erinnerungen an die Hexenverfolgung werden lebendig. Sind die Bräuche also inhärent misogyn (frauenfeindlich)?
Die Antwort auf diese Frage ist komplex. Diese Ausführung der Bräuche ist misogyn, daran gibt es keinen Zweifel. Allerdings haben sich die Bräuche im Laufe der Zeit verändert, wurden immer wieder an den Zeitgeschmack angepasst. Manches, was ursprünglich positiv belegt war, wurde verdreht, ins Negative verkehrt.
So wurde zum Beispiel die Funkenhexe erst im 19. Jahrhundert hinzugefügt.
“Die Tradition, dass Hexen auf Scheiterhaufen – Funken – verbrannt werden, um den Winter auszutreiben, ist gegen Ende des 19. Jahrhunderts etabliert worden. Das hat den Grund, dass das Brauchtum vor etwa 100 Jahren beinahe ausgestorben wäre, erzählt Historiker Michael Kasper. Um das Brauchtum zu retten, habe man die Funkenhexe eingeführt, die seither auf den Funken thront.”
Quelle: https://vorarlberg.orf.at/stories/3295090/
Die Funkenhexe ist kein Einzelfall, viele Bräuche wurden im Laufe der Jahrhunderte verdreht und frauenfeindliche Elemente hinzugefügt. Grund dafür war die massive Misogynie der Gesellschaft, die vor allem durch das Christentum befördert wurde. (Wer mehr darüber wissen will, kann das in meinem Buch über Hexen nachlesen.)
Die ursprünglichen Bräuche
Die Bräuche an sich sind aber älter, d.h. wir dürfen uns fragen, wie sie in früheren Zeiten ausgesehen haben. Im Fall des Funkenfeuers ist das noch einfach, da ist überliefert, wann die Funkenhexe hinzugefügt wurde. Bei vielen anderen Bräuchen müssen wir dafür jedoch relativ weit in der Zeit zurück gehen, vor die Zeit des Christentums und vor die Zeit der schriftlichen Aufzeichnungen.
Naturgemäß wird damit die Quellenlage schlecht. Deswegen sind wir auf archäologische Funde angewiesen. Diese zeigen uns, dass Männer und Frauen früher sehr viel gleichberechtigter gelebt haben als heute. Erst mit der Entstehung von Staaten entstand eine übergeordnete männliche Autorität, so formuliert es die Wissenschaftsjournalistin Angela Saini in ihrem Buch “Die Patriarchen”.
Diese Egalität zwischen den Geschlechtern wird sich auch in den Bräuchen der Menschen wieder gespiegelt haben.
Wir können also davon ausgehen, dass Bräuche, die heute misogyn ausgeführt werden, in ihrer ursprünglichen Form keinen frauenfeindlichen Elemente enthielten.
Daran können wir heute anknüpfen, damit können wir uns wieder verbinden.
Eine zeitgemäße Interpretation des Brauchtums
Wie sieht das in der Praxis aus? Ein Beispiel aus meiner Arbeit: Nächste Woche ist der Frauenkreis in der Lohe, wir werden ein kleines Feuer anzünden und uns frei tanzen, Lärm machen, alles, was wir nicht mehr brauchen, ins Feuer geben und den Boden bereiten für die Saat unserer neuen Projekte. So einfach und so wirksam kann es sein.
Möchtest du mehr darüber erfahren, welche Bräuche es im hiesigen Jahreskreis gibt und wie du sie für dein Leben adaptieren kannst? Dann sei herzlich eingeladen in meinem Webinar:
“Unser Jahreskreis. Erfahre die Kraft der mitteleuropäischen Mythen und Bräuche” am 26.02.26 um 20.00 Uhr.
Hier kannst du dich dafür anmelden. Falls du an dem Abend keine Zeit hast, bekommst du die Aufzeichnung am folgenden Tag zugeschickt.
Ich würde mich sehr freuen, dich beim Webinar begrüßen zu dürfen.
Bis bald,
Herzlich,
Kathrin
Literatur zum Weiterlesen:
Kathrin Blum, Hexen. Geheimnisse und Schicksale weiser Frauen. Thorbecke Verlag 2025.
Kathrin Blum, Raunächte, Thorbecke Verlag 2024.
Angela Saini, Die Patriarchen. Auf der Suche nach dem Ursprung männlicher Gewalt. Hanserblau 2023. S. 170
Carel van Schaik/ Kai Michel, Eva, Die Wahrheit über Eva. Die Erfindung der Ungleichheit von Männern und Frauen. Rowohlt 2022.
Bildnachweise:
Schneeglöckchen: By marsupium photography - https://www.flickr.com/photos/hagdorned/32776117405/, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=57443965
Funkensonntag brennend: Von Flodur63 - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=46990265
Funkensonntag mit Funkenhexe: Von Flodur63 - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=46990264

