Woher kommt der “keltische” Jahreskreis?

Zum ersten Mal begegnete ich dem “keltischen” Jahreskreis in einem Frauenkreis. Ich weiß noch wie heute, wie sehr er mich von Anfang faszinierte, wie sehr ich mir wünschte, dass er authentisch sei. Und wie sehr meine innere Wissenschaftlerin von Anfang fragte, “Woher stammt das alles? Woher wissen wir davon? Wie ist dieses Wissen überliefert worden?” Das war vor circa 10 Jahren, damals fing ich an, mich mit dem Jahreskreis zu beschäftigen. Ziemlich schnell fand ich heraus, dass der “keltische” Jahreskreis mit seinen Festen Imbolc, Ostara, Beltane, Litha, Lughnasadh, Mabon, Samhain und Jul alles andere als keltisch war, sondern eine neuheidnische Fantasie ist.

Der “keltische” Jahreskreis

Die Ursprünge des keltischen Jahreskreises

Entstanden ist dieser Jahreskreis im Los Angeles der 70er Jahre, er wurde von dem Wiccan Priester Aidan Kelly zusammengestellt. Kelly nahm die gälischen Traditionen und Bräuchen zu Imbolc, Beltane, Lughnasadh und Samhain, die bis heute überliefert sind, und fügte die Feste zu den Sonnenwenden und den Tagundnachtgleichen hinzu.

Kelly selbst schreibt darüber:

“Back in 1974, I was putting together a “Pagan-Craft” calendar—the first of its kind, as far as I know—listing the holidays, astrological aspects, and other stuff of interest to Pagans. We have Gaelic names for the four Celtic holidays. It offended my aesthetic sensibilities that there seemed to be no Pagan names for the summer solstice or the fall equinox equivalent to Yule or Beltane—so I decided to supply them.”

“1974 stellte ich einen heidnischen Kalender zusammen - den ersten seiner Art soweit ich weiß - und nahm darin Feiertage, astrologische Aspekte und andere interessante Daten auf, für die sich Heiden interessierten. Wir haben gälische Namen für die vier keltischen Feiertage, aber es ging mir gegen den Strich, dass es keine heidnischen Tage für die Sommersonnenwende oder die Herbsttagungnachtgleiche gab, die ähnlich klangen wie Jul oder Beltane, darum entschied ich, sie bereit zu stellen.”

Die fehlenden Namen fand Kelly im Angelsächsischen (Ostara für die Frühlingstagundnachtgleiche und Litha für die Sommersonnenwende) sowie im Walisischen (Mabon für die Herbsttagundnachtgleiche). Ein angelsächsischer Name für die Herbsttagundnachtgleiche wäre ihm lieber gewesen, allein, es fand sich keiner, der von der Mythologie passte.

Das heißt, der “keltische” Jahreskreis war von Anfang an eine Mischung aus verschiedenen Traditionen - angelsächsischen, walisischen und gälischen. Und er war immer schon ein Produkt der Fantasie, keine historische Tradition.

Von den Kelten ist dieser Jahreskreis in allerhöchster Wahrscheinlichkeit nie so gefeiert worden - das liegt auch daran, dass es die Kelten so eigentlich nicht gegeben hat.

Wer waren eigentlich die Kelten?

Die “Kelten” waren nämlich kein einheitliches Volk, sondern bestanden aus einer Vielzahl von Stämmen, wie z.B. die Boier, die Helvetier, die Häduer oder die Averner. Sie selbst bezeichneten sich wahrscheinlich nicht als “keltoi”, das war ein griechischer Begriff für die Völker jenseits der Alpen, der im 6. Jahrhundert aufkam.


Verbreitung keltischer Völker und Sprachen: gelb: Gebiet der Hallstattkultur im 6. Jh. v. Chr.‍ ‍hellgrün: Größte keltische Ausdehnung um 275 v. Chr. lichtgrün: Lusitanien, keltische Besiedlung unsicher. grün: Die sechs „keltischen Nationen“ mit keltischen Sprachen in der Neuzeit dunkelgrün: Heutiges Verbreitungsgebiet keltischer Sprachen


Diese Stämme lebten von circa 600 v. Chr. bis zum 1. Jhr. v. Chr. ursprünglich vor allem im Alpenraum und im Alpenvorland und verbreiteten sich nach und nach über große Teile Europas - bis nach Spanien, Kleinasien und England/ Irland. Allerdings konnten sie sich in diesen Ländern nicht halten, sondern wurden allerorts von Römern, Germanen u.a. verdrängt. Nur auf den britischen Inseln, vor allem in Irland, überlebten die letzten Reste der keltischen Kultur und Sprache - allerdings stark bedroht durch die Allgegenwart des Angelsächsischen. Hier habe ich ausführlich über die Kelten und das, was wir über sie wissen, geschrieben.

Aus Irland stammen auch die ersten Aufzeichnungen über die Bräuche und Traditionen, daher Imbolc, Beltane, Lughnasa und Samhain. Allerdings - auch das ist wichtig - stammen diese Aufzeichnungen frühestens aus dem 7. Jahrhundert, Irland war zu dieser Zeit bereits seit zwei Jahrhunderten christianisiert. Inwieweit sie also authentische “keltische” Bräuche wiedergeben, ist unter Wissenschaftern stark umstritten.

Der christliche Jahreskreis

Einen Hinweis darauf, dass zumindest ein Teil dieser Feste vermutlich schon sehr alt sind, liefert uns tatsächlich der christliche Jahreskreis. Denn an Imbolc Anfang Februar feiert die Christen Mariä Lichtmess, an Beltane Ende April die Walpurgisnacht (wie das zusammenhängt ist eine interessante Geschichte, die erzähle ich ein anderes Mal) und zu Samhain Anfang November Allerheiligen und Totengedenktage. (Der Vollständigkeit halber: Zu Lughnasa Anfang August gibt es keine genauen christliche Entsprechungen, am ehesten kommt noch Mariä Himmelfahrt infrage.)

Maler des Genfer Boccaccio: “Landwirtschaftlicher Kalender” aus einem Manuskript von Pietro Crescenzi, ca 1306.

Das bäuerliche Jahr

Was diese Feste - ob nun gälisch oder christlich - miteinander gemeinsam haben: Sie orientieren sich am bäuerlichen Jahr. Anfang Februar begann das bäuerliche Jahr, die Dienstboten wechselten ihre Stelle, die Arbeit auf Hof und Feld fing wieder an. Ende April war die Zeit der Fruchtbarkeit, wo alles auf den Äckern endlich in die Höhe schoss und wuchs. Zu Anfang August kam der erste Schnitt, es war der Beginn der Ernte. Und Anfang November endete die Arbeit draußen auf dem Feld, es begann die Zeit, wo man gemeinsam am Feuer saß, Werkzeuge reparierte, sponn und Geschichten erzählte.

Nach diesem Rhythmus haben Generationen von Vorfahren gelebt, er ist tief in uns verwurzelt. Und das ist es, was uns mit diesem Jahreskreis verbindet und warum er heutzutage in gewandelter Form wieder zu uns gekommen ist. Darum ist der Jahreskreis heute wieder so beliebt - auch wenn nur noch wenige Menschen Bauern sind.

Ein zeitgemäßer Jahreskreis?

Der “keltische” Jahreskreis befriedigt eine uralte Sehnsucht nach Naturverbindung, die von den christlichen Religionen nicht abgedeckt wird. Statt das Primat des Menschen (im Christentum v.a. des Mannes) steht hier die Verbindung zur Natur und ihren Kreisläufen im Vordergrund. Es geht darum im Einklang mit den Jahreszeiten zu leben. Darum, das Dasein als Zyklus zu begreifen, in dem alles da sein darf, Licht und Schatten, Hell und Dunkel, Leben und Tod.

Das ist etwas, das ich zutiefst begrüße und leben möchte. Nur eben nicht unter falschen Vorzeichen. Darum forsche ich seit langem, wie ein zeitgemäßer Jahreskreis aussehen kann - mit historischen Vorbildern aber ohne Romantisierungen. Seit fünf Jahren gibt es dazu den Jahreskreis “Dein Weg nach Hause”, den ich gemeinsam mit Eva Klinke leite.

Außerdem wird sich mein nächstes Buch um den Jahreskreis drehen - und wie man ihn zeitgemäß feiern kann. Es wird im September 2026 erscheinen, bis dahin bitte ich dich noch ein bisschen um Geduld.

Herzlichen Dank und Grüße

Kathrin

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Quellen:

Der “keltische” Jahreskreis: Erstes Bild stammt aus Canva, die Zeichnung von:

Von CarlCastel - Eigenes Werk, CC0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=140037746

Aidan Kelly: https://www.patheos.com/blogs/aidankelly/2017/05/naming-ostara-litha-mabon/

Karte der Verbreitung der Kelten: Von QuartierLatin1968, The Ogre, Dbachmann, Superwikifan; derivative work Augusta 89 - File:Celts in Europe.png QuartierLatin1968, The Ogre, DbachmannFile:Carte continent europe.svg Superwikifan, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=33387361

Der bäuerliche Kalender: Maler des Genfer Bocaccio - https://initiale.irht.cnrs.fr/codex/10438, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1949466

Literatur:

Eva-Maria Schnurr, Die Kelten. Geheimnisse einer versunkenen Kultur. München 2017.

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Wer waren die Kelten?

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