Was ist eine Schaman*in? (und warum ich keine bin)

Die Schamanin von Bad Dürrenberg (Bild: Karol Schauer)

“Bist du eine Schamanin?”, die Frage warf mich ein bisschen aus der Bahn. Für einen Artikel war ich gebeten worden, eine Berufsbezeichnung anzugeben. “Autorin” sollte es aber möglichst nicht sein, ob ich nicht noch andere Tätigkeiten ausübe?

Ja natürlich, ich gestalte liebend gerne Rituale, was mein Gegenüber auf die obige Frage brachte.

“Nein, das bin ich nicht”, war meine spontane Antwort. Warum, das kann ich nach meinem Besuch in der Ausstellung “Die Schamanin” im Museum für Vorgeschichte in Halle noch viel besser erklären.

Woher kommt Schamanismus?

Das Wort “Schamanismus” wird seit dem 17. Jahrhundert verwendet und stammt ursprünglich aus dem Tungusischen. “šaman” bezeichnet eine Person mit besonderem Wissen und Heilungsfähigkeiten. “Schamanismus” ist eine Wortschöpfung europäischer Gelehrter, die versuchten dieses religiöse Phänomen zu beschreiben, das ihnen bei ihren Reisen in Sibirien begegnete. Dort trafen sie auf Menschen in sonderbaren Gewändern, die ihre Augen verhüllten, riesige Trommeln schlugen und dabei in Trance fielen.

Schamane der Sojoten, fotografiert 1944

Anhand der Begegnungen mit Schamanen in Sibirien formulierte der Ethnologe Lászlo Vajda folgende Elemente als konstitutiv für den Schamanismus:

  1. Rituelle Ekstase: Sie fällt am meisten auf, es geht um das willentliche Herbeiführen von ekstatischen Zuständen.

  2. Tierische Hilfsgeister: Geisterwesen in tierischer Gestalt, die den Schamanen unterstützen.

  3. Berufung: In den meisten Fällen erfolgt die Wahl, Schamanin zu sein, nicht freiwillig. Häufig führen schwere Krankheiten oder körperliche Anomalien zur Bestimmung als Schamanen*in.

  4. Initiation: Alle Schaman*innen unterlaufen eine Initiation. Sie findet im mystischen Tod und der Wiederauferstehung ihren Höhepunkt.

  5. Seelenreise: Das Reisen in andere Welten ist eine Schlüsselfähigkeit der Schaman*innen.

  6. Schichtenwelt: Sie ist die kosmologische Grundlage, die Vorstellung eines mehrschichtigen Universums in Unterwelt, Erde und Oberwelt, die oft auch auf den Trommeln abgebildet wird. (s.u.)

  7. Schamanenkampf: Sprituelle Auseinandersetzungen, bei denen die Schaman*innen in ihrer Tierform gegeneinander und für das Wohl ihrer Gruppe antreten.

  8. Schamanenausrüstung: Gewand, Kopfschmuck, Trommel

    (leicht abgeändert aus dem Katalog zur Ausstellung, S. 16)

Schamanische Trommel der Chakassen aus dem Sajan-Gebirge, Süd-Sibirien

Das Vorhandensein all dieser Komponenten ergibt den Komplex “Schamanismus”. Allerdings haben sich die einzelnen Elemente vermutlich über die Zeit entwickelt, waren also nicht unbedingt alle von Anfang an vorhanden. Was aber von Anfang an entscheidend war (und ist): Der (oder die) Schaman*in kann nur wirken, wenn die Menschen für die er oder sie trommelt und reist, an seine/ ihre Kraft und Verbindung zu den Tieren und Geistern glauben.

Das war für die Menschen früher jedoch kein Problem, für sie war die Welt beseelt. Das gilt nicht nur für die Völker Sibiriens, sondern auch für die Menschen, die lange vor uns in Mitteleuropa gelebt haben.

Die Gehörnkappe der Schamanin von Bad Dürrenberg

Die Schaman*innen der Vorgeschichte

Dank der ethnologischen Forschungen über den sibirischen Schamanismus können rätselhafte archäologische Grabfunde gesichert als schamanisch angesprochen werden. Dazu gehört allen voran die Schamanin von Bad Dürrenberg, die im Zentrum der Ausstellung steht.

Sie hatte eine körperliche Anomalie, die dazu führte, dass sie sich bewusst in Trance versetzen konnte. Sie trug ein Ornat aus Großwildzähnen und eine Kappe aus Regehörn. Begraben wurde sie mit zahlreichen Tierknochen und Materialien, die auf eine enge Beziehung zu Tieren schließen lässt. Außerdem fanden sich im Grab sechs Panzer von Sumpfschildkröten, die vermutlich als Farbbehälter für rote Farbe verwendet wurden. Sogar eine Initation konnte an ihrem Skelett nachgewiesen werden: Ihre Vorderzähne waren soweit abgeschliffen worden, dass die Nerven darunter blank lagen. Das muss häufig zu starken Schmerzen geführt haben. Und auch an einer Gemeinschaft, für die sie wirkte, mangelte es ihr nicht: Sie wurde sehr achtsam mit einem besonderen Aufwand von einer großen Gemeinschaft beerdigt, noch Jahrhunderte später wurden auf ihrem Grab Hirschgeweihmasken abgelegt.

Das Grab von Hilazon Tachtit (Bild: Karel Schauer)

Die Schamanin von Bad Dürrenberg ist nicht die Einzige, es gibt weitere Funde. Als gesichert schamanisch gelten die Gräber von Hilazon Tachtit in Israel sowie die Doppelbestattung von Horn Shelter in den USA. In diesen beiden Gräbern fanden die Archäologen*innen ausreichend Material, dass ein schamanisches Wirken vermuten lässt: Die Frau von Hilazon Tachtit hatte eine körperliche Anomalie, die sie hinken ließ, der Mann von Horn Shelter hatte besonders stark ausgeprägte Muskelansätze an den Arm und Handgelenkknochen, die auf ausdauerndes Trommeln hinweisen. Beiden waren mit großer Sorgfalt begraben worden, ihnen wurden zahlreiche Tierbestandteile mit ins Grab gegeben. Die Schamanin von Hilazon Tachtit reiste mit der Flügelspitze eines Steinadlers, dem halbe Becken eines Leoparden, dem Schwanz eines Auerochsen und vielem mehr in die Unterwelt.

Eine Schamanin? Die Frau von Skateholm

Unsicher hingegen ist der Fall der Frau von Skateholm in Südschweden, die ungefähr 5200 v. Chr. begraben wurde. Sie wurde auf den Geweihstangen eines Hirsches sitzend begraben, weitere Hinweise fehlten jedoch.

Unabhängig davon, wie gesichert die einzelnen Befunde sind: Was auf jeden Fall stimmt ist die Tatsache, dass es Schamanismus in der Frühgeschichte in Europa gegeben hat.


Ob man das heute noch behaupten kann, ist eine schwierige Frage. Ich würde sie mit “nein” beantworten, einfach weil der allgemeine Kontext dafür verloren gegangen ist.

Ein*e Schaman*in braucht immer eine Gemeinschaft, für die er/ sie wirkt. Das gibt es in dieser Form heute nicht mehr. Einen weiteren wichtigen Punkt finde ich, dass niemand mehr diese Form von Initiation und Berufung durchläuft.

Darum reicht es meiner Meinung nach nicht, sich heute eine Trommel zu bauen und ein dementsprechende Gewand zu tragen, um sich als Schaman*in zu identifizieren. Darum bin ich keine Schamanin, auch wenn ich gerne Rituale gestalte (und auch gerne trommele).


Quellen: Die Schamanin. Begleitband zur Sondersausstellung im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle (Saale), hrsg. von Harald Meller, Michael Schefzik und Anja Stadelbacher. Halle 2026.

Weiter
Weiter

Geschichte(n) zur Sommersonnenwende