Mein Raunachtswunder

Unwillig starrte ich auf den Insta-Post. Er zeigte eine tief verschneite Landschaft, und eine Frau mit Kerze vor einer Hütte. Sie schrieb darüber, wie sie in Abgeschiedenheit die Stille der Raunächte feierte. Ich seufzte, ehrlich gesagt war ich neidisch. Von Abgeschiedenheit und Stille war bei mir nichts zu spüren, um mich herum tobte das Leben, die mittlere Tochter spielte Klavier, die Jüngste mit ihrer Freundin, der Älteste mit seinem Handy. Dazwischen fiepte der Hund bei jedem Böller, die natürlich schon mehrere Tage vor Silvester gezündet wurden. So viel zur Stille der Raunächte. Von Schnee in Norddeutschland natürlich ganz zu schweigen, den hatten wir schon lange nicht mehr gesehen.

Und dennoch wollte ich sie feiern, die Raunächte. So wie ich sie in meinem Buch beschrieben hatte - mit Naturgängen und Journaling. Doch das war mir nicht genug.

Die lange Nacht am Feuer

Im letzten Jahr hatte ich mit zwei Freundinnen eine Nacht lang das Feuer gehütet. Das war so eine tiefe und transformative Erfahrung gewesen , dass wir sie dieses Jahr wiederholen wollten. Eigentlich freute ich mich darauf, gleichzeitig machte ich mir Sorgen, ob ich es alles schaffen würde.

Einen Tag vorher sagte die erste Freundin ab. Ich telefonierte mit der anderen und hörte auch bei ihr Zweifel. Die Temperaturen waren deutlich niedriger als vor einem Jahr, es würde sehr anstrengend werden. Als ich merkte, wie sie schwankte, öffnete sich auf einmal in mir ein Tor. Erleichterung machte sich breit. Vielleicht durfte auch ich einmal “Nein, das ist zuviel” sagen?

Die letzten Monate waren sehr schön gewesen - und sehr anstrengend, voller Veranstaltungen, Lesungen, einem großen Jahreskreisritual und vielen Kreise.

Vielleicht war es an der Zeit, auf mein Bauchgefühl zu hören und zuzugeben, dass ich erschöpft war. Als ich mir selbst die Erlaubnis dazu gab, fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Vielleicht sollte auch ich meinen eigenen Ratschlägen folgen? In den Raunachtskursen zeigte ich den Menschen so viele Wege, wie sie die Raunächte mit wenig Aufwand feiern konnten, nur mit mir wollte ich strenger sein?

Ich schlief darüber und am nächsten Morgen beschlossen wir gemeinsam, dass es dieses Jahr kein durchwachte Nacht geben würde.

Der Naturgang

Die Entscheidung fühlte sich gut an, und als später am Tag ein Sturm losbrach, war ich froh, drinnen am Kaminfeuer zu stricken. Der neue Morgen kam und siehe da, über Nacht hatte es geschneit. Die Welt war weiß geworden, ideale Verhältnisse für den Naturgang zum neuen Jahr. Diesmal ging ich nicht nach einer durchwachten Nacht, sondern mitten aus meinem Alltag heraus, in dem Wald, in dem ich sonst immer mit meiner Hündin unterwegs bin. Am Anfang fand ich nur schwer hinein, viele Menschen waren unterwegs und genossen den Schnee, doch dann war ich auf einmal allein. Ich bog in einen Pfad ein, den ich bei Schnee nicht erkannte, und war plötzlich in einer anderen Welt, ging neue Wege und erfuhr in meinem vertrauten Gefilden so viel Überraschendes und Neues. Es war eine Reise in eine andere Welt.

Als ich zurückkam und über die Schwelle trat, begrüßte mich der volle Mond über den verschneiten Fichten. Was für ein wunderschöner Start ins neue Jahr. Was für ein Geschenk. Ich war so dankbar. Und obwohl ich die Erfahrung schon so viele Male gemacht habe, so erstaunt, wie viel Kraft und Tiefe in einem einfachen Naturgang steckte.

Mein Satz des Jahres

Es war übrigens richtig gewesen, dass ich mit meinen Kräften gehaushaltet hatte, nur wenige Stunden später wurde meine gesamte Familie von einem kleinen Noro-Virus dahingestreckt. Diese Nacht habe ich dann gewacht, aber nicht am Feuer, sondern an der Kloschüssel. Details dazu erspare ich euch.

Und so ist dies die Geschichte meiner Raunächte. Keine große und bedeutende, keine abgelegene Hütten, keine Nächte am Feuer. Und dennoch Tiefe und Transformation.

Mein Satz zum neuen Jahr lautet übrigens:

“Ich vertraue mir selbst.”

Gestern Abend habe ich diesen mit den Frauen im Resonanzraum geteilt und alle haben ihn bezeugt. Es lag eine stille Kraft darin, ich bin sehr dankbar dafür.

Wie ist es dir in deinen Raunächten ergangen? War bei dir total viel los oder hast du sie in stiller Abgeschiedenheit feiern können? Was war hilfreich für dich? Ich freue mich, von dir zu hören und zu lesen.

Herzlich,

Kathrin

P.S. Wenn du Lust auf mehr Naturgänge hast und erleben möchtest, wie diese in Gemeinschaft gespiegelt werden: Im Februar startet der Resonanzraum 2026, dort bekommst du acht Impulse für Naturgänge, diese machst du vor deiner Haustüre und erzählst sie dann online im Kreis. Eva oder ich spiegeln dir diese dann, auf diese Weise entsteht ein magischer Teppich von Geschichten. Hier erfährst du mehr darüber.

Foto: Franzi Schädel

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Was sind die Raunächte (und was nicht?)