Wer waren die Kelten?
Albert Kretschmer und Dr. Carl Rohrbach. - Costumes of All Nations (1882)
Schon wieder Männer mit Mistelkränzen, tapfere Krieger und Frauen in wallenden Gewändern - es ist gar nicht einfach einen Blogpost über die Kelten zu illustrieren. Denn unser Bild von ihnen ist vor allem im 18. und 19. Jahrhundert entstanden, damals - ähnlich wie heute - gab es eine Keltenromantik, die Kelten waren “in”. Vieles von dem, was wir heute als “keltisch” wahrnehmen, stammt aus dieser Zeit. Wer die Kelten eigentlich waren und was wir wirklich über sie wissen, das geht häufig verloren. Darum will sich dieser Post einmal genau dieser Frage widmen.
Wer waren die Kelten und woher kamen sie?
Der Name Kelten kommt von “keltoi”, das geht auf griechische Überlieferungen aus dem 6. und 5. Jahrhundert vor Christus zurück, bei denen Volksstämme von den Quellen der Donau bis zum Hinterland von Marseille als Keltoi bezeichnet werden. Der Ursprung und die Bedeutung des Namens liegen dabei im Dunkeln.
Die “keltoi” waren verschiedene Stämme, die miteinander verwandte Sprachen verwendeten und vermutlich ähnliche Traditionen und Bräuche kannten. Allerdings hätten sie sich selbst wohl nie als Kelten bezeichnet:
“Es ist ziemlich zweifelhaft, dass sich die Kelten selbst als Gruppe fühlten, dass sie ein irgendwie geartetes ethnisches Bewusstsein hatten und sich von anderen abgrenzten. Eher kann man sich die kleinen Gemeinschaft der Eisenzeit als Stämme oder Familienclans vorstellen oder als Bewohner verschiedener Siedlungszentren. Vermutlich sprachen sie ähnliche Sprachen oder Dialekte, konnten sich also untereinander verständigen.”
fasst es die Historikerin und Journalistin Eva-Maria Schnurr zusammen. Woher die keltischen Stämme kamen, ist nicht ganz sicher. Fest steht, dass es indogermanische Stämme waren, die sich irgendwann im zweiten Jahrtausend v. Chr. der Salzvorkommen bei Hallstatt bemächtigten und die Herrschaft über die Gegend übernahmen. Sie sprachen einen alt-indogermanischen Dialekt, der durch den Kontakt mit den Einheimischen verändert wurde, das war der Beginn der keltischen Sprache.
Wann lebten die Kelten? Die Hallstatt und Latène Zeit
In der Archäologie benutzt man den Überbegriff Kelten nur noch selten, die Rede ist statt dessen von Hallstatt und Latène Zeit. Die Hallstatt Zeit ist benannt nach einem wichtigen Fundort im Salzkammergut in Österreich, dem Gräberfeld von Hallstatt, das 1846 entdeckt wurde. Die Hallstatt Zeit begann ca. 800 v. Chr. sie umfasst die ältere Eisenzeit.
Die Rekonstruktion der Heuneburg
Berühmte Orte der Hallstatt Zeit sind u.a. der so genannte Fürstensitz Heuneburg, die Gräber von Magdalenenberg und Hohmichele sowie die Gräber von Hochdorf und Asperg.
Die Latène Zeit ist benannt nach einem Fundort am Neuenburger See in der Schweiz, der 1857 ausgegraben wurde. Dieser Abschnitt umfasst die jüngere Eisenzeit und geht von ca 450 v. Chr. bis zum 1. Jahr v. Chr.
Die Latènezeit zeichnete sich durch großflächige Siedlungen aus, so genannten Oppida (Diese Bezeichnung stammt von Cäsar, Einzahl Oppidum) aus. Berühmte Oppida sind u.a. Heidengraben auf der Schwäbischen Alb und Manching in Bayern.
Die Latène Zeit gilt als kriegerischer als die Hallstatt Zeit, es gab vermehrt Befestigungen und Waffenfunde in den Gräbern.
Verbreitung keltischer Völker und Sprachen: gelb: Gebiet der Hallstattkultur im 6.Jh. v. Chr. hellgrün: Größte keltische Ausdehnung um 275 v. Chr. lichtgrün: Lusitanien (keltische Besiedlung unsicher) grün: Die sechs „keltischen Nationen“ mit keltischen Sprachen in der Neuzeit dunkelgrün: Heutiges Verbreitungsgebiet keltischer Sprachen
Wo lebten die Kelten?
Die keltischen Stämme bewohnten anfangs vor allem den Alpenraum und breitete sich dann langsam nach Osten sowie nach Westen Richtung Frankreich aus bis sie schließlich die britischen Inseln erreichten. Dort im äußersten Westen, in Wales, Cornwall, Irland und im Norden, in Schottland finden noch Spuren keltischer Sprache und Kultur. Diese Bevölkerungsgruppe wird heute als Inselkelten bezeichnet.
Die Festlandkelten sind heute hingegen nur noch in archäologischen Befunden greifbar, sie wurden von den Römern besiegt und romanisiert, ihre Geschichten und Kultur sind nicht überliefert.
Lionel Royer, Vercingetorix wirft seine Waffen zu Füßen Julius Caesar (1899)
Die Religion der Kelten
Die Kelten verehrten vermutlich Götter und Göttinnen an Orten in der Natur in Hainen oder auf Bergen. Ob sie die Natur selbst verehrten, ist eher fraglich, sie waren Meister darin, deren Ressourcen zu nutzen: Das begann mit dem Bergbau in Hallstatt und ging mit der Verhüttung und Verarbeitung von Eisen weiter (die Kelten waren sehr begabte Handwerker und Schmiede). Gerade letzteres erforderte Unmengen von Holz.
Ihren Göttinnen und Göttern brachten die Kelten zahlreiche Opfer dar. Diese waren in erster Linie Tieropfer, es gibt aber auch Hinweise auf Menschenopfer. Auf der Alten Burg in Langenenslingen, einem Kultplatz der Hallstatt-Zeit, wurden Opferschächte gefunden, in denen neben zahlreichen Tierknochen auch menschliche Knochen lagen. Auch Funde in Nordfrankreich und im Kanton Waadt in der Schweiz weisen auf menschliche Opfer hin.
Reimagination des Kultplatzes der Alten Burg in Langenenslingen
Die Gesellschaft der Kelten
Die keltischen Stämme waren hierarchisch organisiert, es gab so genannte “Big Men” an der Spitze und Menschen, die für sie arbeiteten. Sehr wahrscheinlich waren viele Menschen auch unfrei.
Über die Stellung der Frauen bei den Kelten ist viel geschrieben worden. Fest steht, dass es mächtige Frauen gab, das erzählen uns die Gräber von Reinfeld, vom Mont Lassoix oder auch von Bettenbühl. Hier wurden Frauen mit großer Pracht bestattet. Ob sie Fürstinnen oder Priesterinnen waren, darüber gibt es keine Klarheit, die Meinung geht eher in Richtung Priesterinnen.
Eine Besonderheit ist, dass die Macht zumindest bei einigen keltischen Stämmen offensichtlich über die matrilineare Linie vererbt wurde. So sind z.B. die beiden Fürsten in den Gräbern von Hochdorf und Asperg sind mütterlicherseits miteinander verwandt: Der Fürst von Hochdorf ist der Bruder der Mutter des Mannes vom Asperg (man nennt das matrilineare avunkuläre Organisation). Das Erbe ging also nicht an die eigenen Kinder, sondern an die der Schwester - weil man sich da der Verwandtschaft sicher war. Forscher*innen interpretieren dies als Ausdruck einer polygamen Gesellschaft, die keine eheliche Treue kannte. Da die Vaterschaft der Kinder in einer Ehe somit nicht sicher war, vererbte man die Führung an die Kinder der Schwester, mit denen man mit größerer Wahrscheinlichkeit blutsverwandt war. Ähnliche Funde gibt es auch aus dem Süden Englands.
Die Überlieferung
Woher stammt unser Wissen über die Kelten?
Eine wichtige Quelle sind archäologische Ausgrabungen, die uns einiges über die Gesellschaft der Kelten erzählen - aber leider eben keine Geschichten dazu überliefern. So wissen wir nicht, wie der Fürst von Hochdorf hieß oder wie er seinen Wohnort nannte.
Das bleibt leider im Dunkel der Geschichte, denn die Kelten hatten keine eigene Schrift. Sie setzten ausschließlich auf mündliche Überlieferung, die von den Druiden kontrolliert wurde, zumindest berichtet uns dies Cäsar in seinem “De bello Gallico”. Das Druidentum wurde in der Mitte des 1. Jahrhundert n. Chr. von den Römern verboten, sie fürchteten die Druiden als potentiellen Herd antirömischen Widerstands. Mit dem Niedergang der Druiden gingen auch das Wissen und die Geschichte der Kelten verloren.
Die heutzutage als keltisch bezeichneten Geschichten stammen aus Irland, dort wurden sie ab dem 7. Jahrhundert vereinzelt aufgeschrieben, der Schwerpunkt liegt im 11. und 12. Jahrhundert. Damals war Irland bereits seit dem 5. Jahrhundert christianisiert. Die Erzählungen wurden von christlichen Mönchen aufgeschrieben.
Die erste Seite des Book of Leinster, entstanden ca. 1160
Der Keltologe Bernhard Maier schreibt dazu:
“Die weitaus meisten Nachrichten über die religiösen und gesellschaftlichen Verhältnisse vor der Christianisierung sind dagegen erst aus einer Zeit überliefert, als das Christentum um in allen keltischen Ländern bereits auf eine mehrhundertjährige Geschichte zurückblicken konnte. Ob man zu dieser Zeit von der alten heidnischen Kultur noch eine zutreffende Vorstellung hatte, muss angesichts der zahlreichen eindeutig nachweisbaren Anachronismen und Rückprojektionen christlicher Vorstellungen und Einrichtungen durchaus zweifelhaft erschienen.”
Darum ist es schwierig, definitive Aussagen über die keltische Kultur und ihre Geschichten zu machen.
Die Kelten als Mythos
Die Kelten als mythisches Volk erfreuen sich nicht erst in heutigen Zeiten großer Beliebtheit, bereits im 19. Jahrhundert gab es eine keltische Renaissance, wie oben bereits angesprochen. In diesem Zuge entstanden sehr viele moderne Mythen über die Kelten, das meiste, was uns heute über die Kelten erzählt wird, stammt aus dieser Zeit. Dazu gehört auch der “keltische” Jahreskreis, der damals seinen ersten Auftritt hatte. Der selbst ernannte Druide Iolo Morganwg fälschte entsprechende Dokumente dazu.
Wie man sich im 19. Jahrhundert die Druiden vorstellte. Bild von Joseph Martin Kronheim (1810–96)
Mehr darüber erzähle ich in meinem Buch über den keltischen Jahreskreis, das im September 2026 erscheinen wird. Trag dich gerne in den Newsletter ein, wenn du mehr darüber erfahren möchtest:
Das waren meine wichtigsten Punkte zu den Kelten. Natürlich gibt es dazu noch viel mehr zu sagen, wenn dich das Thema interessiert, findest du unten ein paar empfehlenswerte Bücher dazu.
Ich hoffe, diese kleine Zusammenfassung war hilfreich für dich. Was davon hast du bereits gewusst, was war neu? Welche Fragen hast du noch?
Herzliche Grüße
Kathrin
Quellen:
Dirk Krausse, Günther Wieland, Felicitas Schmitt (Hrsg.), Die Kelten in Baden Württemberg. Archäologie, Geschichte und Fundstätten. Herder 2025.
Dirk Krausse, Inga Kretschmer, Leif Hansen, Manuel Fernández-Götz (Hrsg.), Die Heuneburg - keltischer Fürstensitz an der oberen Donau. Führer zu archäologischen Denkmälern in Baden-Württemberg 28, Stuttgart 2023.
Eva-Maria Schnurr (Hrsg.), Die Kelten. Geheimnisse einer versunkenen Kultur. München 2018.
Bernhard Maier, Die Kelten. Ihre Geschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart. München 2016.
Bernhard Maier, “Druiden, Mistelzweige und Menschenopfer. Wie die Kelten ihre geheimen Zauberrituale pflegten” in: https://www.spiegel.de/spiegelgeschichte/das-geheimnis-der-keltischen-druiden-mistelzweige-und-menschenopfer-a-1184830.html
Über die Matrilinearität:
Gretzinger, J., Schmitt, F., Mötsch, A. et al. Evidence for dynastic succession among early Celtic elites in Central Europe. Nat Hum Behav 8, 1467–1480 (2024). https://doi.org/10.1038/s41562-024-01888-7
Cassidy, L.M., Russell, M., Smith, M. et al. Continental influx and pervasive matrilocality in Iron Age Britain. Nature 637, 1136–1142 (2025). https://doi.org/10.1038/s41586-024-08409-6
Bilder:
Die Kelten: Von Albert Kretschmer, painters and costumer to the Royal Court Theatre, Berin, and Dr. Carl Rohrbach. - Costumes of All Nations (1882), Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=17037574
Karte der Verbreitung der Kelten: Von QuartierLatin1968, The Ogre, Dbachmann, Superwikifan; derivative work Augusta 89 - File:Celts in Europe.png QuartierLatin1968, The Ogre, DbachmannFile:Carte continent europe.svg Superwikifan, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=33387361
Vercingetorix: Von Lionel Royer - Musée CROZATIER du Puy-en-Velay. — http://www.mairie-le-puy-en-velay.fr.http://forum.artinvestment.ru/blog.php?b=273473&langid=5, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1218850
Book of Leinster: Von Áed Ua Crimthainn et al (12th century) - Laighean53a at web site of Trinity College, Dublin, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5251989
Druiden: Von Joseph Martin Kronheim (1810–96)[1] - Diese Datei ist ein Ausschnitt aus einer anderen Datei, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=12705085

