Was sind die Raunächte (und was nicht?)

“Erlebe dein Raunachtswunder”, “Raunächte Revelation für die kraftvollsten Raunächte deines Lebens” - der Insta Algorithmus war der Meinung, dass ich mich für die Raunächte interessierte und spielte mir eine Anzeige nach der anderen rein. Damit hatte er sogar recht (das ist nicht immer der Fall, davor dachte er, dass ich Balletttänzerin werden oder meine Masterarbeit mit Hilfe von KI fälschen wolle - letzteres fand ich tendenziell beleidigend.).

Es klang verheißungsvoll und ich versuchte, mich nicht davon beeindrucken zu lassen. Das gelang mir nicht ganz, und bei einigen Texten ärgerte ich mich dann doch. “Raunächte für deine Business Expansion” war so ein Beispiel dafür. Die Raunächte als machtvolles Portal, um “Dich in einer erfülltere & befreitere Unternehmerin Identität zu führen” zu benutzen, bei dieser Behauptung merkte ich, wie sich etwas in mir sträubte. Skeptisch wurde ich auch bei dem Versprechen, die Raunächte seien eine “kosmische Abkürzung”, um Probleme, die einen das ganze Jahr verfolgt hätten, in wenigen Nächten ohne Anstrengung zu lösen.

Das klingt verlockend (wer möchte nicht alle seine Probleme lösen?), doch mit den historischen Raunächten haben all diese Versprechungen nicht wirklich etwas zu tun.

Warum ich das weiß? Ich beschäftige mich seit vielen Jahren mit den Raunächten und habe 2024 ein Buch (“Raunächte” erschienen im Thorbecke Verlag) darüber geschrieben, für das ich intensiv in Bibliotheken und Archiven recherchiert habe.

Darum kann ich folgendes zu den Raunächten erzählen:

Was sind die Raunächte?

Die Raunächte sind 12 Nächte und 11 Tage, die zwischen dem 21.12. (Wintersonnenwende) und dem 5.1. gefeiert werden. Dabei gibt es sowohl die Möglichkeit am 21.12. anzufangen (dann setzt man nach der ersten Nacht aus und fängt am 26.12. wieder an) als auch am 25.12., für beides gibt es Traditionen.

Woher die Raunächte genau kommen, ist unbekannt, meine Vermutung ist, dass sie aus der Differenz zwischen dem Mond- und dem Sonnenjahr entstanden sind. Diese beträgt nämlich genau 12 Nächte. Diese 12 Nächte sind überall in Europa als besondere Zeit bekannt, in England heißen sie “Twelve Nights”, in Portugal “Die heilige Zeit”, im Alpenraum “Raunächte”, im Norddeutschen “De tied twischen de doog”. Die Formulierung “die Zeit zwischen den Jahren” ist heute noch ein fester Bestandteil des deutschen Wortschatzes und bezieht sich vermutlich auf diese Zeit zwischen dem Ende des Mondjahres und dem Beginn des Sonnenjahres.


Der Ursprung der Raunächte

Es gibt keine Aufzeichnungen, die uns verraten könnten, seit wann die Raunächte gefeiert wurden. Meine Vermutung: Schon die ersten Ackerbauern, die aus dem fruchtbaren Halbmond nach Mitteleuropa kamen, kannten diese Zeit zwischen den Jahren. Die Sonnenobservatorien und Ringheiligtümer aus der Jungsteinzeit beweisen uns, dass die Menschen damals die Wintersonnenwende feierten. Dabei wird ihnen die Differenz zwischen dem Mond- und dem Sonnenjahr aufgefallen - und vermutlich in irgendeiner Weise begangen worden sein.

Das Ringheiligtum von Pömmelte


Die historischen Bräuche der Raunächte

Die meisten Menschen kennen einen der historischen Bräuche der Raunächte: Dass man nicht waschen solle. Dieses Gebot kommt von dem Glauben, dass in dieser Zeit die bösen Geister nachts um Haus und Hof streiften. Da die Wäsche damals draußen getrocknet wurde, war es essentiell, dass keine Wäsche auf der Leine hing, damit sich die bösen Geister nicht darin verfangen konnten. Darum mussten Haus und Hof auch aufgeräumt sein.

Ein weiteres Gebot der Raunächte war, dass sich kein Rad drehen durfte - weder Spinnräder noch Wagenräder. Der Grund dafür war der Glaube, dass während der Zeit der Zwölften das Jahresrad still stand und das neue Jahr gewirkt wurde. Darum durfte nichts geschehen, was dieses Gewirk durcheinander gebracht hätte. Daher kommt auch der noch heute verbreitete Brauch, dass man in den Raunächten das neue Jahr träumen kann. (Jede Nacht steht dabei für einen Monat des nächsten Jahres.)

Ein weiterer historischer Brauch war das Orakeln, dazu gibt es gerade am “Ollnjahresabend”, am “Altjahrsabend” zahlreiche Traditionen. Dienstboten interessierte die Frage, ob sie sich im neuen Jahr einen anderen Dienstherrn suchen sollten (dazu diente das Pantoffelorakel, bei dem man seinen Hausschuh hinter sich warf. Zeigte die Spitze zur Tür, war es Zeit sich zu Mariä Lichtmess, wenn das neue Dienstbotenjahr begann ein neues Dienstverhältnis zu suchen.) Junge Frauen hofften das Abbild ihres zukünftigen Mannes um Mitternacht im Spiegel zu erblicken.

Ebenfalls von großer Bedeutung waren Heischebräuche, bei denen früher Lebensmittel erbettelt wurden. Heute haben sich diese in Süßigkeiten gewandelt, die von Kindern gesammelt werden - zum Beispiel beim Rummelpottlaufen, das vor allem im Norden Deutschlands verbreitet ist.

Besonders bekannt ist das Räuchern in den Raunächten. Hierbei wurden Haus und Ställe mit Kräuterbuschen aus dem Sommer oder mit Harzen (seltener, weil viel teurer, Weihrauch) geräuchert. Auch dieser Brauch sollte die bösen Geister fernhalten und vertreiben.


Die Märchen der Raunächte

Abgesehen von den Verboten haben wir keine Berichte darüber, wie die Raunächte gefeiert wurden. Belegt ist der Wort “Raunächte” erst seit dem 16. Jahrhundert. Die einzigen Quellen, die älter sein könnten, sind die Märchen, die von der Zeit der Raunächte erzählen.

Wie alt die Märchen sind, ist umstritten, so genau wissen wir es nicht. Die Figur der Berchta ist auf jeden Fall sehr alt, hier gibt es frühe Belege aus dem 7. Jahrhundert, die auf eine alte Göttin gleichen Namens hinweisen.

In den Märchen wandelt Berchta oder auch Holle über die Welt und wacht, ob ihre Gesetze eingehalten werden. Hilfsbereitschaft ist dabei das oberste Gebot, wie zum Beispiel in diesem Märchen hier.

Frau Holles Wagen

In “Frau Holles Wagen” geht es nicht um die individuelle Bereicherung, sondern darum, hilfsbereit zu sein und lebensdienlich für die ganze Welt und alle ihre Lebewesen zu wirken.

Das ist es, was uns die Märchen der Raunächte lehren. Nicht den persönlichen Reichtum auf Kosten von anderen Lebewesen, sondern das Eingewobensein in das große Netz aller Lebewesen.


Die modernen Bräuche der Raunächte

Nun fragt du dich vielleicht, wo und wann jetzt endlich die Bräuche der Raunächte kommen, die dir vertraut sind: die Impulse für jeden Tag, die Meditationen, das Journaling.

Sie sind in unserer Zeit entstanden. Natürlich werden die Menschen auch früher auf das alte Jahr zurückgeblickt und Wünsche für das neue Jahr ausgesprochen haben. Doch - das müssen wir uns immer wieder vor Augen halten - waren die Wahlmöglichkeiten der Menschen früher sehr viel begrenzter als heutzutage, das zeigen uns auch die Orakelbräuchen. Darin ging es um ein neues Dienstverhältnis oder Heirat - viel mehr Möglichkeiten, gab es nicht.

In den “guten, alten Zeiten” gab es sehr viel weniger Spielraum, sein Leben individuell zu gestalten, das galt in besonderem Maße für Frauen.

Darum hat diese moderne Art, die Raunächte zu begehen, keine historischen Wurzeln.

Das bedeutet nicht, dass man die Raunächte nicht feiern sollte, das möchte ich nicht vermitteln. Wir dürfen sie auch als eine Zeit der Rückschau und der Visionen für das neue Jahr nutzen. Und es ist wichtig, dass uns bewusst ist, womit wir uns verbinden. Wenn wir uns an die historischen Wurzeln anbinden wollen, können wir das über die Märchen tun. Dann stehen Hilfsbereitschaft, Empathie und Verbindung im Mittelpunkt.

Wenn wir uns daran orientieren, sind die Raunächte keine “kosmische Abkürzung zur Lösung all unserer Probleme”, wohl aber die Möglichkeit Geborgenheit und Verbundenheit im großen Netz der Lebewesen zu erfahren - und die neuen Wege zu erforschen, die sich daraus ergeben.

So geht Veränderung, die wirkt - nicht nur für uns, sondern für alle.


Die Raunächte in deinem Alltag

Vielleicht hast du schon eine feststehende Raunachtsroutine, vielleicht bist du noch auf der Suche. Wenn es dich interessiert, dann lege ich dir gerne die Raunachtsreise ans Herz. Die Raunachtsreise ist ein Online Kurs, der wie ein Ritual aufgebaut ist. Das ist das Besondere daran. Diese Struktur ermöglicht nämlich, dass wirklich Wandel und Transformation passieren kann. Mehr Informationen dazu findest du hier.


Ich hoffe, diese kleine Zusammenfassung war hilfreich für dich und wünsche dir alles Gute für deinen Weg durch die heiligen zwölf Nächte.

Herzlich,

Kathrin


Literatur:

Kathrin Blum, Raunächte. Rituale, Bräuche und Geschichten. Osternfildern 2024.

Alle Fotos in diesem Beitrag stammen von Franzi Schädel (Ausnahme: Ringheiligtum von Pömmelte).

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